Christentum

Jesus im Christentum



"Aus einem Saulus wird ein Paulus" ist eine Redewendung, die jeder kennt. Sie will sagen, dass jemand sich und seine Meinung verändert - und zwar so radikal, dass nun das Gegenteil von dem annimmt, was er vor kurzer Zeit noch für richtig gehalten hatte. Solch ein Wechsel passiert - leider viel zu selten. Denn ich finde es gut, wenn jemand seine Meinung ändern kann, wenn es dafür gute Gründe gibt. Ich halte das nicht für ein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.


Es gibt noch eine Redewendung, die ebenso bekannt ist. Man sagt, jemand hätte ein „Damaskus-Erlebnis“. Diese Redewendung stammt aus der gleichen Geschichte. Aus Saulus wurde nur deswegen ein Paulus, weil er jenes Erlebnis vor Damaskus hatte. Was passierte damals? Saulus erlebte eine Vision, verbunden mit einer Audition, in der er die Stimme von Jesus hörte. Es war dieses Erlebnis, das aus dem ehemaligen Christenverfolger den Missionar und "Erfinder" des Christentums machte. Andere spirituelle Erfahrungen mit dem lebendigen Jesus Christus kamen im Leben des Paulus hinzu. 

Am Anfang war die Vision ...

Die Geschichte des Saulus


Wir schreiben das Jahr 33 nach Christus. Genau wissen wir es nicht, aber das Jahr ist stimmig, wenn wir vermuten, dass Jesus am 14. Nisan des Jahres 30 getötet wurde. Saulus war als Christenverfolger in Syrien und Palästina tätig, wo sich schon christliche Gemeinschaften gebildet hatten. Saulus stammte aus einer Familie von Pharisäern aus Tarsus in der damaligen römischen Provinz Kilikien, einem Landstrich in der heutigen Südtürkei im Grenzgebiet zu Syrien. Diese Hafenstadt war damals ein bedeutendes Handelszentrum mit einer größeren jüdischen Diasporagemeinde, wie es sie in vielen Küstenstädten des Mittelmeerraums gab. Nach der Apostelgeschichte hatte Saulus das Bürgerrecht der Stadt Tarsus. Saulus war ein Eiferer, wir würden heute sagen: ein religiöser Fundamentalist. Er meinte genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Mit brutaler Härte verfolgt er diejenigen, die nach seiner Meinung etwas Falsches glaubten: die Christen. Sie sind für Saulus Falschgläubige. Um sie zu verfolgen, zog er durch das Land. So näherte er sich im Jahr 33 auch der Stadt Damaskus. In der Apostelgeschichte 9 wird seine Geschichte erzählt: „Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, dass er Anhänger dieses Weges, Männer und Frauen, wenn er sie fände, gefesselt nach Jerusalem führe.“ (Apg. 9,1-2)

Vor den Toren der Stadt kam jedoch alles anders als Saulus gedacht hatte. Saulus sieht plötzlich ein helles Licht. Es ist so stark, dass er vorübergehend erblindet. Saulus sinkt zu Boden und hört eine Stimme. Die fragt: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Saulus fragt: „Herr, wer bist du?“ Die Stimme antwortet: „Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt. Da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ (Apg. 9,3-6)

So nimmt die Geschichte ihren Lauf. In Damaskus erhält Saulus sein Augenlicht zurück. Er glaubt an Jesus Christus, schließt sich der Gemeinschaft der Christen an und ändert seinen Namen. Aus Saulus wird Paulus, denn er ist ein veränderter Mensch. Im Gegensatz zum hebräischen Namen Saul ist Paulus ein Name aus der hellenistisch-römischen Welt. Paulus selbst verwendete in seinen Briefen stets nur diesen Namen. Fortan zieht Paulus als Missionar herum und gewinnt Menschen für den Glauben an Jesus Christus.


Was ist eine Vision ?Phänomenologisch ist eine Vision einer optischen Halluzination sehr nahe. Beides wird nur von einer Person erlebt, während eine andere Person, die in diesem Augenblick anwesend ist, die Wahrnehmungen nicht bestätigen kann.Gott kommuniziert mit den Menschen, von denen die Bibel berichtet, vornehmlich auf der Ebene von Träumen und Visionen. Das heißt, er begibt sich auf eine höchst subjektive Ebene, er wählt sich das Bewusstsein bzw. das Unterbewusstsein aus.

Anselm Grün geht davon aus: „Das Unbewusste ist nicht die Domäne der Psychologie, sondern auch ein Bereich, in dem Gott wirkt und in dem wir ihn manchmal leichter nehmen können als in unsrer bewussten Welt, die von uns selbst beherrscht wird.“ (Zitat: Anselm Grün, Vom spirituellen Umgang mit Träumen. 1.Einleitung, Freiburg 2014)Echte Visionen haben den Charakter der direkten schöpferischen Umwandlung des Bewusstseins und der Erkenntnis, ja der Persönlichkeitsstruktur des Empfängers der Vision, ganz zu schweigen von der schöpferischen Umwandlung ihrer Umwelt. (dazu: Tanja Scagnetti-Feurer, Religiöse Visionen, Würzburg 2004, S.31)

Gott spricht in Träumen

 

Immer wieder berichten religiöse Menschen, dass Gott zu ihnen spricht. Schon im Alten Testament der Bibel ist dies der Fall. Wie selbstverständlich tritt Gott in einen Dialog mit Menschen, sei es mit Adam, Noah  oder Abraham.  In der Josefsgeschichte spricht Gott niemals direkt zu Josef, er offenbart sich ihm vielmehr im Traum.

Christen fragen in diesem Zusammenhang vor allem immer wieder danach, ob es möglich ist, dass Gott selbst zu uns im Traum spricht, wie es uns die Bibel immer wieder beschreibt.

Gottes Reden im Traum wird in der Apostelgeschichte mit dem Geist Gottes in Verbindung gebracht: "Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben" (Apg 2,17 = Joel 3,1f).

John A. Sandford, ein Schüler von C.G.Jung, nannte die Träume Gottes vergessene Sprache.

Vergessen, weil der religiöse Aspekt in der psychologischen Traumdeutung kaum eine Rolle gespielt hat. In der Bibel begegnen uns jedoch viele Menschen, zu denen Gott in bevorzugter Weise durch Träume gesprochen hat. (John. A. Sanford, Gottes vergessene Sprache, Zürich  1966)

Vielleicht neigen auch religiöse Menschen heutzutage dazu, das Reden Gottes im Traum zu unterschätzen, da diesem Reden ja die heute so populäre Objektivität fehlt und die Deutung von Träumen immer schwierig ist.

Der traumvergessende Christ wird sich allerdings aufgrund der Bibel die Frage stellen: Wieso konnten die Menschen der Bibel Gott in ihren Träumen hören—und ich kann es nicht?

Träume und Visionen spielen sich im Bewusstsein der Menschen ab, das als eine Einfallstür für eine Informationsübertragung aus einer höheren Dimension, des göttlichen Bewusstseins, verstanden wird.

Der Schlaf ist bis heute ein Geheimnis.

Die Meinung, der Körper brauche Ruhe und deshalb schlafe der Mensch, trifft auf das Gehirn nicht zu. Unser Gehirn scheint niemals zu ruhen. Während der Schlafphasen bleibt die elektrische Hirnaktivität erhalten, allerdings auf andere Weise als im Wachzustand.

Jesu Tod am Kreuz


Um diese universale Bedeutung von Christus zu erkennen, ist es notwendig, den Blick auf das zentrale Ereignis im Leben Jesu zu richten: sein Ende, seinen Tod am Kreuz. Was geschah am Kreuz? Und warum halten Christen an der universalen Bedeutung des Kreuzesgeschehen fest? Ist Jesus heute erfahrbar?


Das Kreuz ist ein Symbol der Gewalt ...


so kritisieren viele Menschen das wichtigste Ereignis im Glauben der Christen, weil sie es nicht verstehen. Für den christlichen Glauben ist es jedoch ganz zentral, dass Jesus als Opfer der Gewalt die Macht der Gewalt gebrochen hat. Und damit auch die Mächte des Unheils und des Todes besiegt hat.


Ein Blick in die Welt zeigt, dass Menschen für die Gewalt in der Welt verantwortlich sind. Wenn man die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu in den Evangelien liest, bekommt man ein Beispiel für diese Gewalt geliefert. Jesus wurde regelrecht zum Sündenbock gemacht, von einer Horde von Gegnern verfolgt, und er wurde zum Opfer dieses Mobs. Jesu Christi Passion, also seine Leidensgeschichte, an die Christen in der Karwoche vor Ostern gedenken, ist also kein Leiden, das ein sadistischer Gott über ihn gebracht hätte, sondern gehört zu den Folgen des Unheils, das von bösen Mächten in die Welt gebracht worden und als Sündenbock-Mechanismus allenorts zu beobachten ist.


Mimetik,


abgeleitet vom griechischen Wort Mimesis (Nachahmung), hat bei dem französischen Philosophen René Girard die Bedeutung der kollektiven Gewalt erhalten. In seine philosophischen Interpretation versucht Girard das Geschehen am Kreuz verständlich zu machen: Alle, die Jesus nachstellten und ihn schließlich ans Kreuz brachten, verhielten sich als Kollektiv. Deshalb kann man nach Girard sagen: Es herrschte die Allmacht des Mimetischen. Selbst Pilatus, der sich als erster weigerte, Jesus zu verurteilen, stimmte letztlich mit dem Kollektiv.

Die Darstellung der Evangelien macht klar, dass Jesus ein Sündenbock war, ein Ersatzopfer. Um ein gewaltsames Einschreiten durch die Römer zu verhindern, wiederholte der Hohepriester Kaiphas, was die Menschen vom Beginn der Welt an behaupten: Die Opferung der Sündenböcke sorgt für Frieden in der Gemeinde. Ein zweifelhafter Friede: auf Kosten des einzigen Opfers. In Wahrheit steht die Gewalt kurze Zeit nach der Opferung des Sündenbocks wieder auf.


René Girard


identifiziert den Sündenbockmechanismus mit dem Satan. Mit dieser Figur meint er keine Märchenfigur aus dem Mittelalter, sondern die Personifikation des Bösen aus den alten Religionen. Ohne die Annahme, dass ein solche böse Struktur, die über die Boshaftigkeit der Menschen, also der einzelnen Individuen, existiert, kommt Girard nicht aus. Er greift damit eine Vorstellung der alten Religionen, vornehmlich des Judentums, des Christentums und (abgeleitet) dem Islam auf. Satan ist der Herrscher der Welt, sein Wesen sind Tod und Lüge. Satan ist der Zerstörer, der die mimetische Rivalität anheizt und die zwischenmenschliche Gewalt hervorbringt. Satans Wesen ist eng mit dem Sündenbock-Mechanismus verbunden.


Das Kreuzesgeschehen ist das Ende der Mimetik.


Aber nun ist im Neuen Testament von einer Einzigartigkeit des Geschehens bei der Kreuzigung Jesu die Rede. Zwar war Jesus nicht der einzige, der zum Sündenbock wurde. Aber in seinem Fall sind die Folgen anders gewesen. So gravierend anders, dass sein Fall universale Folgen für die ganze Geschichte der Menschheit hervor gebracht hat: Indem die Lüge der mimetischen Struktur ans Licht gebracht wurde, stellt das Kreuz die Welt auf den Kopf.

Satan, seine Anschuldigungen, sein Sündenbock-Mechanismus sind total enthüllt, sie sind nicht mehr in der Finsternis, sondern in aller Öffentlichkeit. Am Kreuz ist die Stunde Satans gekommen, als Herrscher dieser Welt wurde er hinausgeworfen.


Die Kreuzigung Jesu war zwar ein Opfermechanismus unter anderen, er lief wie alle anderen Opfermechanismen in dieser Welt ab, aber er hatte andere Ergebnisse als alle anderen. Ein für allemal entglitt der Opfermechanismus der Kontrolle des Satans. Kraft des Kreuzes ist Satan vom Himmel gefallen und hat seine Macht der Gewalt verloren.

"Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt

und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus."

Die Bibel, Kolosserbrief 2, 15


Die Deutung Girards ist sehr nahe an der ursprünglichen Theologie des Urchristentums und der Alten Kirche, wie ihn Gustav Aulén herausgearbeitet hat. Doch wie kann eine solche Deutung des Todes Jesu eine universale Bedeutung haben, eine Relevanz für jeden Menschen, nicht nur für diejenigen, die mit dem Kulturkreis des damaligen Palästinas verbunden waren? Für den christlichen Glauben ist es wichtig, dass diesen Wirkungen heute erfahrbar und spürbar sind, denn Glaube versteht sich als Spiritualität und nicht als historischer Geschichtsunterricht über vergangene Zeiten.


Gustav Aulén (1879 - 1977)


stellte die drei Haupttypen des christlichen Versöhnungsgedankens heraus. Er hat für die Theologie wegweisend darauf aufmerksam gemacht, dass das Kreuzesgeschehen verschiedene Bedeutungen verbindet und zusammenführt. Auléns Bedeutung liegt für uns darin, dass er die urchristliche Deutung des Kreuzes herausgearbeitet hat, die im Laufe der Jahrhunderte in der Kirchengeschichte leider vernachlässigt wurde.


Das Kreuzesgeschehen hat nicht nur die Bedeutung des lateinischen Versöhnungsgedankens mit dem wesentlichen Aspekt der Satisfaktion (Wiedergutmachung), wie die Kreuzigung über viele Jahrhunderte in der Theologiegeschichte gedeutet wurde. Obwohl diese Deutung bis zum heutigen Tage die meiste Verbreitung gefunden hat, wussten die ersten Christen Anderes und Tieferes über die Bedeutung des Kreuzes zu sagen. Aulén legt dementsprechend den Schwerpunkt auf seinen ersten Aspekt, den er den "klassischen Versöhungsgedanken des Urchristentums" nennt.


Ich nenne an dieser Stelle der Vollständigkeit halber alle drei Aspekte, die Aulén als Deutungen des Kreuzesgeschehens herausgearbeitet hat:


Erstens: Der klassische Versöhnungsgedanke des Urchristentums und der Alten Kirche geht davon aus, dass Gott und Welt miteinander versöhnt sind, indem Christus die Unheilsmächte Sünde, Tod und Teufel besiegt hat, was in dramatischen Bildern beschrieben werde. Gott ist Subjekt der Versöhnung und selbst der Opfernde. Satan brachte Jesus ans Kreuz, aber Jesus hat den Satan besiegt. Dieser Aspekt ist in der Theologiegeschichte leider vernachlässigt worden, stellt aber für Aulén den entscheidenden Aspekt dar. In der orthodoxen Theologie ist dieser Gedanke noch sehr lebendigt, wenn zum Beispiel am Ostersonntag die Gottesdienstbesucher in das sog. Osterlachen ausbrachen, weil der Teufel durch die Auferstehung Christi bis auf die Knochen blamiert ist. Die Bedeutung des Kreuzes ist in erster Linie ein Sieg über die bösen Mächte - und auch den Tod.


Zweitens: Der lateinische Versöhnungsgedanke denkt das Verhältnis von Mensch und Gott im Sinne einer Rechtsordnung und geht von der Satisfaktion (Wiedergutmachung) aus. Gott nimmt das Opfer entgegen, das Christus gebracht hat. Dieser lateinische Typus war der verbreitetste Aspekt in der Theologiegeschichte, ist aber heute sehr in die Kritik gekommen, da sich Menschen fragen, ob Gott das Opfer seines Sohnes brauche, um versöhnt zu werden. In diesem Gedankengebäude spielt sich alles zwischen Gott und dem Menschen ab. Die dritte Macht, der Teufel, scheint nicht existent zu sein, höchstens als eine Art Verkläger (Staatsanwalt) in der Gerichtsverhandlung.


Drittens gibt es den idealistischen Versöhnungsgedanken in der Folge der Epoche der Aufklärung. Hier geht die Versöhnung  vom Menschen aus, dessen Heil von seinem moralischen Habitus abhängt. Christus erscheint als das menschliche Urbild. Diese Vorstellung von Christus erfreut sich bis heute großer Beliebtheit, verzichtet aber auf alle metaphysischen Element. Hauptinhalt ist die Moral, die Ethik. Dieser Glaube an Christus käme theoretisch auch ohne den Glauben an Gott aus.


Eine universale Bedeutung


kann das Geschehen um Jesus nur haben, wenn jeder Mensch in der Lage ist, eine innere Verbundenheit mit dem gegenwärtigen Geist Jesu Christi zu erfahren und an dem teilzuhaben, was als Werk Jesu Christi bezeichnet werden kann. Diese Teilhabe an Christus hat schon die Urchristenheit als spirituelle Neugeburt erfahren. Nicht nur im Johannesevangelium, sondern auch im Leben des Paulus ist das Spirituelle das Entscheidende. Auch heute können Menschen an dieser zentralen Wirkung der Taten Christi teilhaben. Das ist die Aktualität des Christentums, was es zu mehr als zu einer Folklore-Erscheinung macht.


Vergegenwärtigen wir uns noch einmal worum es geht, wenn eine Teilhabe am Geist Christi eine befreiende Wirkung für das eigene Leben entfalten soll:

Jesus wurde als Mensch zum Opfer des mimetischen Systems, um das System zu überwinden. Eine geistliche Anteilhabe an diesem Geschehen verspricht, dass heute Menschen ebenfalls aus diesem System befreit werden können. Der Sieg des guten Geistes Gottes über die bösen Geister des Unheils vollzieht sich in einem jeden Christenleben. Dieses Ereignis geht über das Diesseits hinaus, es betrifft das Jenseits, das Universum, das ewige Leben.

 

Teilhabe und Nachfolge


Durch die geistliche Anteilhabe an Christus können Menschen auch heute aus dem System der Gewalt und des Bösen befreit werden. Wer liebt, verzichtet auf das eigene Begehren, kann sogar auf sein eigenes Leben verzichten, um das Leben anderer Menschen zu retten.


Für den Philosophen Girard gibt es zwei Arten von Nachahmung: Die gewalttätige oder die gewaltfreie. Ersteres bringt immer Gewalt hervor, letzteres erzeugt Gewaltlosigkeit, denn die Personen ahmen ein friedliches Modell und Vorbild nach. Um die Gewalt zu überwinden, zeigte uns Jesus einen Weg: Nachahmung der Liebe und der Versöhnung. Jesus, der uns zu Gott, dem Vater, führt, ist gleichzeitig Nachahmender und Nachgeahmter. Er ruft uns zu: ahmt mich nach, wie ich den Vater nachahme.


Für die Menschen, der sich als Sünder und Gefangene erlebe , liefert die mimetische Theorie einen Ausweg: die Bekehrung.


Konversion (Bekehrung).


Ein bekehrte Mensch ist jeder, der sich bewusst ist, dass er seinem mimetischen Begehren ausgeliefert ist, der den Sündenbock-Mechanismus zurückweist, um die Logik der Liebe und der Versöhnung anzunehmen. Ein bekehrter Mensch nimmt Jesus Christus in sein Leben auf, erlebt die spirituelle Wiedergeburt und ist mit dem Geist Jesu verbunden, der sein Leben begleitet und ihn niemals mehr verlässt. Dies betrifft auch das Weiterleben der Seele, die mit dem Tod des Menschen den Körper verlässt. Dass das jenseitige Leben dennoch nicht körperlos und nicht rein geistig ist, ist ein Geheimnis der neuen Physik (Metaphysik), die von zusätzlichen Dimensionen ausgeht und übertrifft landläufige Vorstellungen der klassischen Physik.

  

Schuld und Vergebung


Die universale Bedeutung von Jesus Christus hat mit dem Thema Schuld und Vergebung zu tun. Christen treten im Gebet in die innere Zwiesprache mit dem universellen Bewusstsein Gottes und wenden sich an den Geist Jesu, ihnen Versöhnung und Vergebung zuteil werden zu lassen. Das Gebet um Vergebung hat im Verhältnis zu Jesus Christus seinen richtigen Platz gefunden, denn das entscheidende Verdienst des historischen Jesu war die "Versöhnung", der sein Geist nun allen Menschen zuteil werden lassen kann.


Das Bedürfnis nach Versöhung und Vergebung kennen wir aus unserem Leben, wenn seelische Zwiespälte durch innere oder äußere Konflikte im eigenen Leben entstanden sind, in denen das Gewissen die eigene Person anklagt und in Frage stellt. Jeder Mensch kennt solche Situationen, wenn plötzlich das eigene Versagen und falsches Handeln in Lebenssituationen, so übermächtig wird, dass wir in irgendeiner Form mit dieser inneren Anklage ins Reine kommen müssen.


Gehen wir einmal davon aus, dass der unsterbliche Geist Jesu uns heute noch so nahe ist, wie das für die gesamte unsichtbare Welt gilt, die uns umgibt, dann ist der Geist Jesus Christus genau der richtige Adressat für unser Anliegen, wie es auch in der Theologie der christlichen Kirchen gelehrt wird. Denn das größte Verdienst, das sich Jesus erworben hat, war zweifellos seine Fähigkeit, selbst seinen Feinden vergeben zu können, im extremsten Fall: den Menschen, die ihn ans Kreuz gebracht hatten. So betete Jesus am Kreuz: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Was Jesus in seinem Leben gepredigt hatte, hat er selbst bis zu seinem Lebensende in der Tat verwirklicht. So ist es verstehbar, dass es zu einer Teilhabe an diesem Verdienst Jesu kommen kann, und dass unser menschlicher Geist Versöhnung erfahren kann.

 

Versöhnung


Das Gebet Jesu, das als Vaterunser in der christlichen Tradition Bedeutung gewonnen hat, spricht im Zusammenhang von Schuld und Vergebung von zwei Seiten des Versöhnungsgeschehens: Vergebung empfangen und Vergebung gewähren.

Diesen Zustand der Versöhnung, den man als Frieden mit sich selbst, mit Gott und den Mitmenschen beschreiben kann, ist ein Zustand, in den ein Mensch durch den Glauben an Jesus Christus gelangen kann. Der Schlüssel dazu ist das Verständnis von Glauben nicht als ein bloßes Für-wahr-halten von Glaubenssätzen, sondern als ein Verständnis von Teilhabe, Teilhabe am universalen Bewusstsein Jesu Christi und der Teilhabe an seinem Werk der Versöhnung, das er hier auf Erden vollbracht hat.


Ein Gebet,

 

gerichtet an Jesus Christus, ist ein zentrales Element im christlichen Glauben, der nicht nur Gott als Adressaten seiner Gebete kennt, sondern auch den lebendigen Geist Jesu. Folgendes Gebet von Papst Benedikt IVX. kann dafür als Beispiel gelten.

 

Herr,

du bist zum Tod

verurteilt worden,

weil Menschenfurcht

die Stimme des Gewissens erstickte.

Die ganze Geschichte

hindurch werden so immer wieder die Unschuldigen

geschlagen, verurteilt und getötet.

Wie oft haben wir selbst den Erfolg der Wahrheit,

unser Ansehen der Gerechtigkeit vorgezogen.


Gib der leisen Stimme des Gewissens,

deiner Stimme,

Macht in unserem Leben.

Schau mich an,

wie du Petrus nach der Verleugnung

angesehen hast.

Lass deinen Blick in unsere Seele dringen

und unserem Leben die Richtung geben.

 Denen, die am Karfreitag gegen dich geschrien hatten,

hast du an Pfingsten die

Erschütterung des Herzens und die Bekehrung

geschenkt.


So hast du uns allen

Hoffnung gegeben.

Schenke auch uns immer neu die Gnade der Bekehrung.

 

Josef Kardinal Ratzinger,

Kreuzwegandacht 2005


Kai-Uwe Schroeter


Deus to go - Gott für unterwegs. Ein Streifzug durch Theologie und Quantenphysik, Hamburg 2017.