Islam

Jesus im Islam


Eine besondere Stellung nimmt im Islam der Koran ein, der die wörtliche Offenbarung Allahs an den Propheten Mohammed darstellt, vermittelt durch den Erzengel Gabriel. Nach der Überlieferung hat Mohammed die himmlischen Worte zwischen 610 und 632  nach Christus empfangen. An vielen Stellen bezieht sich der Koran auf die Bibel und erwähnt viele biblische Personen. Er nennt sogar Jesus das fleischgewordene Wort Gottes (Sure 3,46).


Jesus gilt im Koran als bedeutender Prophet und wird als Gesandter Gottes und Christus bezeichnet, allerdings nicht als Sohn Gottes, wobei der Koran in dieser Frage biologisch argumentiert, dass Gott keinen Sohn

haben könne. Allerdings bekräftigt der Koran Jesu Geburt von einer Jungfrau, seine Zeugung durch den Heiligen Geist, wonach Jesus ohne biologischen Vater durch ein Wunder entstanden ist. Weiterhin sagt der Koran, dass nicht Jesus gekreuzigt wurde, sondern an seiner Stelle jemand, der ihm ähnlich sah.

ʿĪsā ibn Maryam

Der Prophet ʿĪsā


Nach dem Koran ist Jesus allein zu den Juden gesandt, um sie als deren letzter Prophet zum Glauben an den Einen und Einzigen Gott zurückzuführen. "Und als Jesus, der Sohn Marias, sagte: O Kinder Israels, ich bin der Gesandte Gottes an euch, um zu bestätigen, was von der Tora vor mir vorhanden war." (Sure 61,6)

Mehrfach nennt der Koran Jesus Prophet. Prophetie verdankt sich göttlicher Berufung und Befähigung. Häufig wird Jesus der Titel Gesandter beigelegt. Auch im Islam ist Jesus also mehr als "nur ein Prophet".

Die Offenbarung, die Jesus von Gott empfängt, um sie zu den Juden zu bringen, ist das Evangelium, in Gestalt eines Buches (Sure 19,30). Dies widerspricht einer populären Vorstellung in der Wissenschaft, dass Schriften erst nach dem Tod von Jesus entstanden seien. 

Jesu Wunder werden im Koran Beweise, manchmal auch Zeichen genannt. Jesus vollbringt sie, weil Gottt ihn von Geburt an mit dem heiligen Geist gestärkt hat, aber er kann sie auch allein nur mit Gottes Erlaubnis tun.

"Ich komme zu euch mit einem Zeichen von eurem Herrn: Ich schaffe euch aus Ton etwas wie eine Vogelgestalt, dann blase ich hinein, und es wird zu einem Vogel mit Gottes Erlaubnis." (Sure 3,49)

Auch der Koran berichtet davon, dass Menschen immer wieder versucht haben, die zu ihnen gesandten Propheten zu Tode zu bringen. Aber im Fall von Jesus ist es nicht dazu gekommen. "Sie haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt. Diejenigen, die über ihn uneins sind, sind im Zweifel über ihn. Sie haben kein Wissen über ihn, außer dass sie Vermutungen folgen. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet, sondern Gott hat ihn zu sich erhoben. Gott ist mächtig und weise." (Sure 4,157) Der Koran streitet vehemt die Kreuzigung Jesu ab, auch im Widerspruch zu allem, was heute als historisch gesichert gelten darf. Gott lässt nicht zu, dass seinem Gesandten auch nur ein Haar gekrümmt wird. Darin kommt jedoch keine Geringschätzung Jesu zum Ausdruck, sondern im Gegenteil eine Wertschätzung. Wie Muhammad durfte Jesus eines natürlichen Todes sterben.

Manche Muslime deuten das Abberufen Jesu so, dass Jesus lebend zu Gott entrückt wurde, andere deuten es als natürlichen Tod. Dann hätte Gott durch den Tod Jesus zu sich gerufen und seine Seele aufgenommen, wie die Seele jedes Gläubigen bei seinem Tod.


Das spirituelle Jesusbild


Im Sufismus begegnet uns ein spirituelles Jesusbild. Der Mystiker Ruzbihan-i Baqli (gest.1209) erzählt die Versuchung Jesu in der Wüste: "Iblis (der Teufel) sagte: O Jesus, deine Angelegenheit ist so weit gekommen, dass du der Gott auf Erden bist, und Er ist der Gott im Himmel. Jesus sagte: Gott ist einer, und ich bin sein Diener. Aber er insistierte so lange, dass Jesus ganz verwirrt wurde. Er rief zu Gott - erhaben ist Er - und Gabriel kam, ergriff den Verfluchten und schleuderte ihn an die Sonnenscheibe. Gleich darauf kam er zurück und sagte: O Jesus, deine Angelegenheit ist so weit gekommen, dass Gott die Toten belebt und du die Toten belebst; Er ist der Gott des Himmels und du bist der Gott der Erde. Jesus zitterte und sagte: Ich bin Sein Diener und der Sohn der Jungfrau. Er erbat von Gott, dass er ihn befreie. Michael ergriff den Verfluchten und schleuderte ihn gegen die Sonnenscheibe (Zitat A.Schimmel, Jesus und Maria, s.45)

Die Korankommentare und Hadith-Sammlungen, die sich ausbildeten, versuchten das fragmentarische Jesusbild des Korans zu ergänzen. Sie beschreiben Jesu Lebensende als Entrückung und sein Wirken am Ende der Zeiten als vom Himmel her Wiederkehrender, eine apokalyptische Gestalt, von der der Koran nichts weiß.


ʿĪsās übernatürliche Geburt


Isa ist der arabische Name für Jesus im Koran. Wenn der Koran für Jesus Würdetitel nennt, wie z.B. "Messias", meinen diese Titel keine göttliche Würde.

Sure 19: "Und gedenke im Buch der Maria, als sie sich von ihren Angehörigen an einen östlichen Ort zurückzog. Sie nahm sich einen Vorhang vor ihnen. Da sandten Wir unseren Geist zu ihr. Er erschien ihr im Bildnis eines wohlgestalteten Menschen. Sie sagte: Ich suche beim Erbarmer Zuflucht vor dir, so du gottesfürchtig bist. Er sagte: Ich bin der Bote deines Herrn, um dir einen lauteren Knaben zu schenken. Sie sagte: Wie soll ich einen Knaben bekommen? Es hat mich doch kein Mensch berührt, und ich bin keine Hure. Er sagte: So wird es sein. Dein Herr spricht: Das ist Mir ein leichtes. Wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen und zu einer Barmherzigkeit von Uns machen. Und es ist eine beschlossene Sache. So empfing sie ihn (Jesus). Und sie zog sich mit ihm zu einem entlegenen Ort zurück."

Viele muslimische Ausleger identifizieren den Geist mit dem Engel Gabriel. Engel werden ausdrück in Sure 3 erwähnt:

"Als die Engel sagten: O Maria, Gott hat dich auserwählt und rein gemacht, und Er hat dich vor den Frauen der Weltenbewohner auserwählt. O Maria, sei deinem Herrn demütig ergeben, wirf dich nieder und verneige dich mit denen, die sich verneigen. Dies gehört zu den Berichten über das Unsichtbare, das Wir dir offenbaren. Du warst ja nicht bei ihnen, als sie ihre Losstäbe warfen, wer von ihnen Maria betreuen solle. Und du warst nicht bei ihnen, als sie miteinander stritten. Als die Engel sagten: O Maria, Gott verkündet dir ein Wort von Ihm, dessen Name der Messias Jesus, der Sohn Marias, ist; er wird angesehen sein im Diesseits und Jenseits, und einer von denen, die in die Nähe (Gottes) zugelassen werden. Er wird zu den Menschen sprechen in der Wiege und als ERwachsener und einer der Rechtschaffenen sein. Sie sagte: Mein Herr, wie soll ich ein Kind bekommen, wo mich kein Mensch berührt hat? Er sprach: So ist es; Gott schafft, was Er will. Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: Sei! und sie ist."

Der häufige Gebrauch des Zunamens "Sohn Marias" zeigt, dass Maria als Mutter Jesu eine wichtige Rolle spielt. Der Titel ist Ausdruck für die Überzeugung von der Jungfrauengeburt Jesu, aber auch eine Antithese zur christlichen Bezeichnung "Sohn Gottes". Jesus wird in seiner Bezogenheit auf Gott geschildert, als dessen Geschöpf, Prophet und Zeichen der Barmherzigkeit in der Welt. In einem Punkt sind sich christliche und islamische Texte einig: Jesus ist in seinem Dasein als solches ein göttliches Wunder.


Eine muslimische Christusvision


Aischa lauschte in die Nacht hinaus. Die dünne Wand ihres Zeltes war alles, was die Welt ihrer Familie von den hunderttausend anderen Pilgern trennte, die sich in den Straßen drängten. Es gab kaum Platz zwischen den Zelten, und in das Schnarchen und tiefe Luftholen drinnen mischten sich die Geräusche von draußen. Im übernächsten Zelt verrichtete jemand halblaut sein Nachtgebet. Aischa drehte den Kopf zur Seite, um ihre jüngere Schwester zu betrachten, die im Schlaf seufzte. Meist war ihre Schwester diejenige, die länger aufbleiben wollte, gerade weil die Eltern wollten, dass ihre Kinder zeitig ins Bett gingen. Doch heute Abend waren Aischas Augen weit offen. Warum hatte sie keine Lust zu schlafen? Sieben Mal war sie heute, fast erdrückt in den Menschenmassen, um die Kaaba herumgezogen. Ihre Füße taten ihr jetzt noch weh. Und morgen früh wollte die Familie schon bei Sonnenaufgang aufstehen, um einen frühen Bus nach Mina zu nehmen – zum nächsten Abenteuer ihres zweiten Hadsch. Ausschlafen war angesagt.

Aus einem Nebenzelt kam eine Kinderstimme: „Ich will nicht, Mama!“ Aischa kicherte; ja, Kinderträume logen nicht. Dann, viel näher, kam ein anderes Geräusch, und Aischa setzte sich erschrocken auf. Wollte da jemand mit einem Messer ihre Zeltplane aufschneiden? Doch was sie dann sah, war
noch schockierender. Über ihr stand ein Mann in einem strahlend weißen Gewand, das keine Dischdascha war. Sie linste an ihm vorbei – nein, er hatte kein Loch ins Zelt geschnitten, um hereinzukommen. Er hob seine Hand wie zu einem Gruß oder einer Beruhigungsgeste. Keiner der Schläfer regte sich. Das Licht vom Gewand des Fremden schien in sie hineinzufließen. Ihr erster Gedanke war, dass irgendein Geistlicher zu ihrer Familie wollte – oder, noch schlimmer, nur zu ihr?
Doch von diesem Mann strahlte eine überirdische Wärme aus. Sie wusste sofort: Dieser Mann liebt mich! Und im nächsten Augenblick wusste sie, wer er war: Jesus stand in ihrem Zelt. Er trat zurück und duckte sich, wie um durch den niedrigen Zelteingang zu gehen. Als er durch die Zeltplane verschwand, sah das Mädchen kurz seine Augen. Sie schienen zu sagen: Komm mit mir. Mit offenem Mund starrte Aischa auf die Zeltwand. Die Geräusche von draußen nahm sie nicht mehr wahr. Eine ganze Stunde lang saß sie stumm und starr da. Was konnte es Gefährlicheres geben als eine Jesus-Vision in Mekka während des Hadsch?
Einen Monat später machte Aischas Familie ihre nächste Reise, diesmal zu Aischas Lieblingsverwandten in Jordanien. Es war nicht halb so feierlich, aber hundert Mal schöner als eine Pilgerfahrt nach Mekka.
Eines Abends, als Aischa im Haus ihrer Cousine vor dem Schlafengehen noch vor dem Fernseher saß und herumzappte, landete sie bei einen christlichen Sender aus Ägypten – und erstarrte. Was sagte dieser Prediger da? „Einige von euch haben eine Vision von Jesus gehabt. Seid dankbar, dass er euch diese hohe Ehre zuteilwerden lässt! Jesus macht diese Besuche nicht zum Spaß. Er ruft euch in seine Nachfolge. Er hat einen Plan für euer Leben.“
Zum zweiten Mal war Aischa sprachlos wegen Jesus. Und wieder erzählte sie niemandem davon. Doch nach Saudi-Arabien zurückgekehrt, entdeckte sie, wie hartnäckig dieser Mann aus dem Himmel sie rief. Die neuen Visionen waren anders als die in Mekka. Jesus besuchte sie nicht mehr nur nachts, sondern auch am helllichten Tag. Manchmal sah sie nur sein Gesicht und niemals sprach er. Doch jedes Mal war die Botschaft in seinen Augen dieselbe: Folge mir


Leseprobe aus: 

Tom Doyle/Greg Webster


Träume und Visionen - Wie Muslime heute Jesus erfahren

Verlag: Brunnen, Auflage: 8 (30. Januar 2017), S.66ff